Stickereien aus dem Hessischen Hinterland

Bei dem Besuch einer Freundin in der Nähe von Biedenkopf in Hessen hat mir diese einen sorgfältig aufbewahrten Schatz an alter hessischer Stickerei aus dem Hinterland gezeigt. Ich holte meine kleine Digitalkamera und fotografierte laienhaft die wunderschönen Stickereien, die bis ins 18. Jahrhundert datiert waren, am Esstisch mit ungünstigen Lichtverhältnissen. Meine Freundin bat mich, die Fotos auch mit auf meine Website zu nehmen, um den deutlichen Unterschied der Stickereien beider Regionen (Schwalm und Hinterland), die nicht weit voneinander entfernt liegen, zu verdeutlichen.

Bettwäsche aus dem Hinterland

Kopfkissen

Die reich bestickten Kopfkissen, Kopfzichen, werden bei besonderen Anlässen (Brautbett) aufgezogen. Sie dienen aber auch zum Transportieren von Festkleidern auf der Reise.

Kopfkissen mit Muster in Stopfstich auf Leinenfilet. Motiv: Paradies.
sehr altes Kopfkissen mit Stickerei aus buntem Wollgarn
Kopfkissen in Plattstich bestickt mit Bibelvers
Stopfstichstickerei auf Kopfkissen (1)
Stopfstichstickerei auf Kopfkissen (2)

Bettvorstecktuch

Die Decken werden zum Schmuck bei besonderen Anlässen an der Vorderseite des Bettes aufgehängt.

doppelseitiges Vorstecktuch mit 21 cm breiten Bordüre mit reichhaltigen Blüten
in Plattstich gestickt: Tulpen, Sonnenblumen, Federnelken, Granatäpfel

Aus zwei 71 cm breiten Leinenbahnen in 190 m Länge wurde das Vorstecktuch gearbeitet. In der Mitte ist es mit einem 6 bis 8 cm breiten Leinen-Filetnetz verbunden. Diagonales Muster: 2 gegenüberliegende Zick-Zacklinie mit Spitzenfüllstich gestickt.

An der unteren und der linken langen Kante ist eine 5 cm breite Klöppelspitze angenäht.      Die 21 cm breite Bordüre der unteren Kante mit gestickten großen Blumen und Ranken in Plattstich, datiert auf 1756

doppelseitiges Vorstekctuch

Das zweite Vorstecktuch besteht aus zwei 72 cm breiten Leinenbahnen in 200 m Länge das in der Mitte mit eine 2 cm breiten Klöppelspitze verbunden ist. An der unteren und der linken langen Kante ist eine 4 cm breite Klöppelspitze angenäht.

Kleidung aus dem Hinterland

Kopfbedeckung eines jungen, unverheirateten Mädchens

Der rote Kopfputz der Hinterländer Tracht, das Stülpchen, unterscheidet sich in seiner Machart von dem „Betzel“, dem viel kleineren roten Häubchen der Schwäler Tracht. Dieser Kopfschmuck schmückte den geflochtene Zopf, den Schnatz. Die Farbe rot war den jüngsten Mädchen vorbehalten. Typisch für die Region der Breidenbacher Grundes ist das abgebildete Käppchen für die Bedeckung zweier geflochtener Zöpfe (Haarnest). Die Blütenstickerei wurde aus roter und grüner Wolle auf einen bedruckten Baumwollstoff gestickt. Als Hauptmotiv wurden Federnelken in Plattstich in vielen Größen dicht an dicht aufgestickt. Mittig an der Stirnseite ist ein kleines Kreuz zu sehen. Interessant ist das Auslasssen einer Blüte beim Sticken auf den beiden Seite und dem Hinterkopf des Käppchens. Innen ist das Häubchen mit groben Leinenstoff gefüttert und am Nacken mit dünner Pappe verstärkt. Die Ränder sind mit einer 3 cm breiten Damastborte (Seide) verziert. Die Bänder sind aus schwarzer Wolle gewebt.

Aus der dem Breidenbacher Grund stammt dieses Käppchen, auch Mitsche genannt.

Mitsche, von innnen
Mitsche von hinten
Mitsche und kleines Käppchen aus Resten von bunten Borten

Bluse und Schürze

Vorder-und Rückseite der Leinenbluse sind aus einem Stück geschnitten. Brust- und Kopföffnung werden durch einen T –förmigen Einschnitt gebildet. Am Hals schließt ein zweifarbig mit Baumwollgarn bestickter Stehkragen an. Die langen Ärmel schließen mit einem Bündchen in Weißstickerei ab.

Bluse
Blusenkragen
Schürze, Ausschnitt
Schürzenband

Brusttuch

Die Röcke der Hinterländer Tracht bestehen aus einem samtenen Mieder, an das ein in viele kleine Falten gelegter Rock angenäht ist. Das Mieder steht vorne offen und wird mit Haken und Öse mit hin- und herlaufenden Bändern geschnürt. Unter diese Schürung wurde das Brusttuch gesteckt. Ein trapezfärmiger mit Stickereien verzierter Stoff wird mit fester Pappe verstärkt.

einfaches Brusttuch aus Borten auf Damast aufgenäht
Brusttuch aus Wollstoff mit Herz und Blumen (u. a. Federnelken, Tulpen), umrandet mit Metallborte
Grünes wollenes Brusttuch mit Herz und Federnelken, reich verziert mit silbernem Metalldraht/Kantillen, umrandet mit Metallborte

Strümpfe

Strümfe aus Baumwolle mit Glasperlen bestickt und gewebte Strumpfbänder mit Bommeln aus Wolle in rot und grün, der Farbe der Jugend

Überhandtuch

Das hier vorgestellte Tuch ist auf feinem, eng gewebtem Leinen gestickt. Es ist das letzte Werk von Ilse Pawlowsky. Aus einem Herz entspringen drei Blätterranken in hellblau mit Tulpen und runden Blüten. Zwei zarte Vögel sitzen auf den Ranken. Am unteren Rand ziert ein breites Band in reich verziertem Doppeldurchbruch den unteren Saum.

Üerhandtuch von Ilse Pawlowsky, 1987

Die Tulpen und das Herz der bunten Stickerei erhalten ihre Kontur mit einem hellblauen Knötchenstich. Der ebenfalls hellblaue Kettstich umrandet die Kontur. Das Herz und die runden Blüten werden mit blauem Schnürloch verziert.

Das Herz wird mit vertikalen Stangen, die von gestickten Rosen/Sternen (Wickelstich) unterbrochen werden, in weiß ausgeschmückt.

Die beiden kleineren Tulpen sind mit Waffelstich ausgefüllt. Die große Tulpe ist mit Röschenstich in Limet-Technik gestickt.

Die runden Blüten sind mit Ausschnittstickerei ausgeschmückt. Die Ränder des Kreises sind mit weißem Schlingstich gesichert. Eine 8-strahlige Spinne füllt den Kreis. Die Spinnenfäden werden umwickelt. Die Mitte wird kreisförmig umstopft. Von einem zweiten Kreis gehen 8 Zacken in feiner Nadelspitze bis zum äußeren Rand ab. Kleine umwickelte Ästchen an den Spinnenfäden lassen das Muster dichter erscheinen.

Detailansicht aus dem Überhandtuch

Die breite Spitze am unteren Rand des Überhandtuchs ist in lichtem Durchbruch gearbeitet. Der Hohlsaum wird mit Erbslochhohlsaum und Schlingstich eingefasst. In der Mitte der Durchbruchstickerei wird mit Stopfstich ein Bauernpaar) ausgefüllt. Zu beiden Seiten, symmetrisch angeordnet, werden mit Stopfstich und Röschenstich die Muster eingearbeitet.

Muster in lichtem Durchbruch mit Stopfstich und Röschenstich gefüllt

Bunte Tischdecke

Sehr ansprechend kann auch die Verwendung mehrerer, gut abgestimmter Farben wirken. Die Weißstickerei (Ton in Ton der Stickerei mit dem Stoff) wird für die Füllelemente verwendet. Die Konturen der Formen und Blumenranken werden bunt abgesetzt. Eine maßvolle und dezente Verwendung der Farben sei anhand des folgenden Beispiels vorgestellt.

Die hier gezeigten bunten Motive sind Verzierungen auf einer Tischdecke, die auf einen Stoff aus reinem, groben Leinen in der Optik des Sackleinens eingefügt sind. Die Kontur der Muster und die Blätterranken werden für den Kettenstich in grau und den Knötchenstich und Plattstich in rot ausgeführt. Die Verzierungen der Umrandungen mit geschnürten Bogen oder in „2 lang 2 kurz“-Zierstich sind in dunkelrot (passend zum Leinenstoff) gehalten und die Füllstiche in weiß.

Echtes Sackleinen ist sehr grob und schwer, weil es sehr dicht gewebt wird, daher ist es sehr beschwerlich darauf zu sticken, da es mit der Sticknadel nur schwer zu durchstechen ist.

Farbiges Stickmuster, mittig angeordnet, auf einer Leinentischdecke mit eingewebter Musterung des Sackleinens.
Mittiges Muster der Tischdecke, vergrößert. Herzen im Limitdurchbruch ausgestickt (Stangen und Spinnenstich) und Kreise in Lichtem Durchbruch mit Stopfstich gefüllt. Die kleinen Tulpen sind mit dem Grundstich des Lichten Durchbruchs gefüllt.
Die kleinen Tulpen sind im Limitdurchbruch in Röschenstich ausgefüllt. Das Herz ist mit Spannstich (Wickelstich) in 2-er Stangen gefüllt. Das mittige Tulpenblatt ist mit dem Grundstich des Lichten Durchbruchs gefüllt und die äußeren Blütenblätter mit Zopfstich

Mustertuch

Zum Üben der verschieden Stiche der Schwälmer Weißstickerei bietet es sich an, zunächst mit einem Mustertuch zu beginnen, auf das zur Erinnerung immer wieder zurückgegriffen werden kann. Ein rechteckiges Stück Siebleinen in den Maßen 40 x 30 cm eignet sich. Mit diesem lichten Leinentuch wird die Durchbruchstickerei erleichtert. Üblicherweise wird die Schwälmer Stickerei auf dicht gewebtem Leinen gestickt und für Durchbrucharbeiten werden Fäden in regelmäßigen Abständen gezogen, um ein quadratisches Gitter oder um regelmäßige Reihen zu markieren.

Der Saum wird doppelt eingeschlagen und der verdeckte Einschlag um nur 1 Webfaden schmaler als der Saum angelegt. Dadurch ist der Einschlag nicht sichtbar und drückt sich beim Bügeln nicht durch. In den vier Ecken werden Füllmuster angeordnet und in der Mitte Motive mit Umrandungsstiche.

Diese Ecke mit Stangen in abwechselnd angeordneten 3-er Block oder 2-er-Muster wird mit Wickelstichen gearbeitet. Als Saum treffen hier Erbslochhohlsaum auf Kästchenhohlsaum. Zum Befestigen des Saums wurde an allen Kanten zunächst ein einfacher Hohlsaum gestickt (von links sticken, je 2 Fäden fassen)

Als Stickgarn wird Vierfachstickgarn Nr 20 (fein) in weiß verwendet. Bei dem gezeigten Mustertuch wurden drei Kreise in der Mitte des Rechtecks untereinander angeordnet.

Diese Ecke wird in gebrochenen Stangen (Treppenstich) gearbeitet. Die Übergänge an den Quadraten, die nicht mit Wickelstich ausgefüllt werden, können mit kleinen, diagonalen Stichen gestickt werden. Eine weitere Variante ist dargestellt, in der zwischen den Treppen vier Fäden Abstand gelassen werden, die mit versetzt gestickten, diagonalen Stichen (in linkem Maschenstich schräg gestickt) gefüllt werden.
Die Ecke ist mit dem Rosenstich oder Spinnenstich gefüllt. Dieser Stich wird vom Mittelpunkt aus sternförmig gestickt. Ein zarteres Aussehen bekommt er, wenn nur in jeden 2. Gewebefaden gestochen wird. In jedem Falle sollte vor und nach dem Diagonalstich ein Faden ausgelassen werden, sonst wird das Muster zu dick. Die vorletzte diagonale Reihe dieses Dreiecks ist mit Röschenstich oder Schlingstich-Rosenstich gearbeitet. Als diagonale Borte wurden 1 Reihe schräger Zackenstich (1/4 Rosenstich), 2 Reihen Grundstich (links) und wieder 1 Reihe Zackenstich angeordnet.
Diese Ecke ist mit gegenseitig stehend Stangen im 1-er-Muster und im Wechsel mit gebrochenen Stangen (Wickelstich) gestickt. Am Saum treffen einfacher Hohlsaum (je 2 Fäden gebündelt) und Erbshohlsaum aufeinander.
Kreis: Messerspitze (Wickelstich), Knötchenstich, Kettstich. Füllung aus Schlingstich-Rosenstich (auch: Röschenstich)
Kreis: Schnürloch (Schlingstich), Knötchenstich, Kettstich. Füllung aus Wellenstich.
Kreis: 2 lang 2 kurz, Knötchenstich, Kettstich. Füllung: Waffelstich.
Ecke eines Mustertuchs mit dem Toledostich im Wechsel mit Käschen im Wickelstich über je 3 Fäden

Die Ecke dieses Mustertuchs ist mit dem Toledostich im Wechsel mit Käschen im Wickelstich über je 3 Fäden gearbeitet. Der Toledostich besteht aus je 3 Hexenstichen, von links gearbeitet, horizontal und vertikal im Quadrat (hier über je 2 Fäden Breite und 6 Fäden Länge). Ist das Quarat fertig, werden die letzten drei Hexenstiche von links mit dem Faden zusammengefasst und wie eine Getreidegarbe gebündelt.

Zierdeckchen

Anhand der folgenden Bilder wird sehr anschaulich dargestellt, in welcher Reihenfolge die traditionellen Muster auf das Deckchen gestickt werden. Hier wurde das Deckchen bereits mit einem einfachen Hohlsaum (je 2 Fäden gebündelt), einem Kästchenstich und einem Erbslochhohlsaum auf das endgültige Maß gearbeitet. Die Mittellinien des Deckchens werden ausgezählt und mit Heftstichen auf dem Deckchen markiert. Dann wird das Muster auf den Stoff übertragen wobei auf die Ausrichtung zur Mitte und zum Rand geachtet wird. Anschließend wird mit dem Aussticken der Kontur mit dem Knötchenstich begonnen.

Als Beispiel für eine festliche Zierdecke sei in den nachfolgenden Bildern ein Tischläufer gezeigt, der passend zu einem weiß-blauen Porzellanservice entworfen wurde. Der Läufer hat die Maße 140 cm x 32 cm und ist aus weißem Siebleinen. Das Muster besteht aus 9 Rauten in blauem Garn und je einer Girlande aus 8 großen Kreisen entlang der langen Säume und in den vier Ecken je ein Herz das zwei kleine Kreise ziert. Die 8 großen Kreise sind mit unterschiedlichen Mustern gefüllt.

blau-weißer Tischläufer, linke Seite
blau-weißer Tischläufer, rechte Seite
Deckchen, das seinen besonderen Reiz in der mittigen Anordnung des rechteckigen Motivs hat
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Hessenkittel Stickereien

Besuchern des alljährlichen Hessentages oder des 2-jährlichen Schlitzer Trachtenfestes wird der Hessenkittel ein Begriff sein. Ein hellblauer Baumwollkittel aus Rechtecken genäht mit weißen Stickereien auf Bündchen, Stehkragen und Schulterblatt wird dort gern getragen. Für die Anfängerin können die Muster noch ganz einfach gewählt werden: Bordüren an Stehkragen, Ausschnittkante und Armbündchen; Herzmotiv am Ausschnitt und Herz mit Tulpe am Schulterblatt. Solch ein Kittelchen für ein Kleinkind ist ein dankbares Einstiegswerk. Hierzu wird farbiges Gmindner Linnen, meist in hellblau, verwendet. Kett- und Schussfaden haben die gleiche Stärke. Wenn Sie unsicher sind, testen Sie die Eignung des Stoffes mit einer Zählprobe mit Hilfe eines Lineals oder einer quadratischen Stickprobe. Für einen geraden Verlauf der Bordüre können Hilfsfädchen gezogen werden.

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